Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie vom "Besuch der alten Dame" wurde 1956 uraufgeführt und gilt als eine der besten Tragikomödien der Nachkriegszeit.

Das Drama nimmt zum Teil erkennbar Bezug auf antike Tragödien, mit denen es eine Handlung teilt, die sich um Schuld, Sühne und Läuterung dreht: Die kleine (und exemplarische) Stadt mit dem schönen Namen Güllen erwartet eine der Ihren, die im Ausland zu einer reichen Frau geworden ist, und mit ihr einen dringend benötigten Geldsegen zurück. Die alte Dame ist – wie sich zeigen wird – an der Not der Stadt nicht ganz unschuldig. Sie sinnt auf Vergeltung, da sie vor langer Zeit von einem der Stadtbürger, dem Krämer Ill, mit einem Kind 'sitzengelassen' worden ist, und schlägt folgenden Deal vor: Die Bürger töten Ill und bekommen ihr Geld.

Ill, der seine Schuld anerkennt, nimmt dieses Opfer für die Stadt auf sich – und so kommt es zu einem vordergründig guten Ende für die Stadt. Dieses steht jedoch im Zeichen eines einseitigen und somit wiederum skrupellosen Materialismus, dem die Bürger Güllens huldigen: Die Käuflichkeit der Moral der Bürger wird somit exemplarisch (satirisch) entlarvt und in einem grotesk anmutenden Handlungszusammenhang eingebunden, der ständig zu komischen Szenen und Momenten führt, in denen vor allem die um ihr Geld fürchtenden Güllener der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Schuld und Sühne heben sich hier also gegenseitig immer wieder auf und fordern sich neu heraus. Dies scheint das tragikomische Los des modernen Menschen zu sein.