zentrale Instanz der Vermittlung von (fiktiven) Geschehnissen und Handlungen in erzählender Literatur

Ebenso wie in alltäglichen Erzählsituationen erzählte Geschehnisse und Begebenheiten von den Rhapsoden des Epos, dem Sänger einer Moritat, dem Redner bei seiner narratio oder der tratschsüchtigen Nachbarin – also von realen 'Erzählern' –das je Erzählte ausgewählt und in einer je spezifischen Art und Weise aufbereitet, geformt und verbal präsentiert werden, so kann in (zumeist fiktionalen) Erzähltexten eine Instanz angenommen oder konstruiert werden, die dasselbe für die vom Erzähltext präsentierten Geschehnisse leistet.

Dieser Erzähler im literaturwissenschaftlichen Sinne ist also ein Konstrukt der Literaturwissenschaft und einzig auf die (spezifisch epische) Kommunikationssituation des Textes bezogen, d.h. als Instanz oder Funktion erzählender Literatur zu begreifen. Er ist kein realer Erzähler. Und er ist auch nicht mit dem Autor zu identifizieren, auch und gerade wenn beide starke Ähnlichkeiten aufzuweisen scheinen.

Welche unterschiedlichen Möglichkeiten und Weisen, Geschehnisse erzählend zu präsentieren, dieser Erzähler (qua Textinstanz) zur Verfügung hat, ist Gegenstand der Erzähltextanalyse bzw. ihrer zentralen Kategorien der Erzählform, der Erzählperspektive, des Erzählverhaltens, des Erzählstandpunkts (point of view) und der Darbietungsweise. Diese geht somit immer von der Vorannahme der Existenz bzw. Konstruierbarkeit einer solchen Textinstanz erzählender Literatur aus.