Kategorie der Erzähltextanalyse: Ausdruck des Beteiligungsverhältnisses, in dem der Erzähler zum Erzählten steht: War/ist er beteiligt oder nicht?
Die Erzählform betrifft also in erster Linie die Frage, ob der Erzähler (von) etwas erzählt, was ihm selbst passiert ist (oder passiert), was er getan hat (oder tut) oder woran er zumindest beteiligt war (oder ist), und sei es nur als Beobachter oder ob er etwas erzählt, was einem oder mehreren Dritten passiert ist (oder passiert), was er oder sie getan haben (oder tun) usw.
Dieses jeweilige Verhältnis zum Erzählten ist natürlich wie der Erzähler selbst eine literaturwissenschaftliche Konstruktion, die aber einem eindeutigen und leicht erkennbaren Ausdruck an der Oberfläche des jeweiligen Textes entspricht: Der Erzähler spricht entweder (unter anderem) von sich oder von anderen. Dementsprechend wird das erste Verhältnis als Ich-Form, das zweite als Er-Form bezeichnet.
Dem Erzähler in Er-Form (oder kurz: Er-Erzähler) kommt also in dem erzählten Geschehen keine Rolle zu, gleichwohl kann er beschreibbar vor allem in den Kategorien der Erzählperspektive, des Erzählverhaltens oder des point of view dieses Geschehen unter diesen Hinsichten auf recht unterschiedliche Arten und Weisen präsentieren.
Der Erzähler in Ich-Form (oder kurz: Ich-Erzähler) spielt hingegen im erzählten Geschehen eine mehr oder minder große Rolle, er ist beteiligt und verwickelt, er hat einen bestimmten Charakter, eigene Ansichten und Interessen und diese können innerhalb des Geschehens ebenso wie bei seiner Darstellung zum Vorschein kommen. Demzufolge ist er im Hinblick auf die erwähnten drei weiteren Kategorien in gewisser Weise durch seine Beteiligung festgelegt. Dies kann sich jedoch zum Teil sehr unterschiedlich gestalten und so sind zwei Grundtypen des Ich-Erzählers zu unterscheiden:
Der erste Ich-Erzählertyp erzählt ohne einen zeitlichen Abstand und damit ohne ein Mehr-Wissen (etwa um den Ausgang der Geschichte). Das 'erzählende' und das 'erlebende Ich' sind hier also weitgehend identisch. Dementsprechend hat dieser Ich-Erzählertyp im allgemeinen (außer in Bezug auf sich selbst) nur Außensicht zur Verfügung, er hat einen sehr internen point of view und sein Erzählen entspricht für gewöhnlich personalem Erzählverhalten.
Der zweite Typ des Ich-Erzählers erzählt mit einem erkennbaren zeitlichen Abstand und daher mit einem erkennbaren Mehr-Wissen (etwa um den Ausgang der Geschichte). Das wie in einer Autobiographie schreibende 'erzählende Ich' ist also weit von dem 'erlebenden Ich' entfernt. Dementsprechend hat dieser zweite Ich-Erzählertyp zwar ebenfalls (außer in Bezug auf sich selbst und auf ermitteltes und erschlossenes Wissen um Dritte) nur Außensicht zur Verfügung, sein Erzählstandpunkt ist aber im allgemeinen der eines externen point of view und sein Erzählverhalten demzufolge durchaus auch neutral oder sogar auktorial.