Kategorie der Erzähltextanalyse: Verhältnis des Erzählers zu den (anderen) Figuren des Erzählten: Kennt er Fremdpsychisches oder nicht?
Die Erzählperspektive betrifft also in erster Linie die Frage, ob der Erzähler die Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Ziele, Grundeinstellungen, Träume usw. der anderen Figuren, also die verschiedenen Elemente und Momente ihres 'Inneren', ihrer 'Psyche' kennt genauer: ob er diese Kenntnis erkennbar bei seiner Erzählung verwendet oder ob er keine solche Kenntnis hat bzw. sie nicht verwendet.
Zu bedenken ist freilich, daß sowohl der Erzähltext als auch der Erzähler Konstrukte (des Autors bzw. des Literaturwissenschaftlers) sind, das Gleiche gilt womöglich auch für die Annahme einer 'Psyche' oder eines 'Inneren' und mit Sicherheit für die Annahme, daß man 'in anderer Leute Kopf hineinschauen' könne. An der Textoberfläche zu unterscheiden ist aber sehr wohl, ob der Erzähler die Gedanken Dritter wiedergibt oder ob er dies unterläßt.
Im ersten Fall spricht man ihm Innensicht zu, andernfalls hat er (nur) Außensicht.
Beides verhält sich nicht ganz symmetrisch zueinander, denn Außensicht muß wohl jedem Erzähler zugeschrieben werden, während Innensicht ein zusätzliches Vermögen bestimmter Erzähler darstellt. Die Opposition stellt sich also eher als eine von nur Außensicht hier und Innensicht dort dar.
Die Unterscheidung von Außen- und Innensicht kann aber natürlich nur dann von Belang sein, wenn überhaupt von Figuren erzählt wird, die nicht mit dem (Ich-)Erzähler identisch sind. Denn dieser hat natürlich für gewöhnlich Zugriff auf sein eigenes 'Inneres' (ob er diesen in der Erzählung verwendet, ist dann eine andere Frage).
Oft dürfte die Unterscheidung von Außen- und Innensicht aber zu einem gewissen Grade relativ ausfallen, mindestens dreier Momente wegen: Gelegentlich verteilt sich die Innensicht-Kompetenz des Erzählers ungleich auf verschiedene Figuren (oder Figurengruppen). Sie kann zudem unterschiedlich intensiv und extensiv ausfallen. Und mitunter kann der Erzähler natürlich auch Einschätzungen und Vermutungen über Fremdpsychisches abgeben, das er aus deren (erzähltem) Verhalten und Reden erschlossen hat.
Die Erzählperspektive ist leicht zu verwechseln mit dem Erzähl(er)standpunkt oder point of view, doch gilt es beides zu unterscheiden. In der beiden Termini innewohnenden Metaphorik des Blickes gesprochen: Die Erzählperspektive betrifft das Ziel des Blickes (das Fremdpsychische), der Erzählstandpunkt oder -blickpunkt hingegen den Ausgangspunkt des Blickes. Daraus lassen sich wiederum verschiedene Zusammenhänge dieser beiden Kategorien erhellen, etwa diese: Ein Erzähler, der bezüglich aller Figuren Innensicht hat, verfügt offensichtlich über einen sehr 'hohen', externen point of view. Umgekehrt ist von einem Erzähler mit internem point of view kaum detaillierte Innensicht zu erwarten.