Kategorie der Erzähltextanalyse: Verhältnis des Erzählers zum Erzählten: Hat er einen erkennbaren eigenen Standpunkt, hat er keinen erkennbaren Standpunkt oder hat er einen, der erkennbar an dem einer (oder mehrerer) Figur(en) orientiert ist?
Das Erzählverhalten betrifft also vor allem zwei Fragen:
1. In welchem allgemeinen Verhältnis steht der Erzähler zum Erzählten, wie bezieht er sich auf das Erzählte? Dabei sind natürlich auch die anderen Kategorien der Erzähltextanalyse von entscheidender Bedeutung, insbesondere die Erzählperspektive und der point of view, die sich spezifisch (und an der Textoberfläche erkennbar) auf das Wissen bzw. den Standpunkt des Erzählers beziehen.
2. Ist der Erzähler als eigene Person erkennbar oder zumindest als Instanz mit einem erkennbar eigenen Verhältnis zum Erzählten? Diese Frage ist vergleichsweise unabhängig von den anderen Kategorien. Doch trotz der Tatsache, daß der Erzähler, seine 'Verhältnisse' oder gar seine personale Identität literaturwissenschaftliche Konstrukte sind, lassen sich gewisse Indizien für die Beantwortung dieser Frage ebenfalls an der Textoberfläche finden: Der Erzähler kann sich mehr oder minder deutlich als sprechende Instanz zu erkennen geben, indem er etwa (in der Er-Erzählform) als Ich auftritt, indem er eigenmächtig das Erzählen unterbricht (um etwa eigene Exkurse einzuschieben) oder indem er das Erzählte (etwa ironisch oder herablassend) kommentiert und dergleichen mehr.
Beide Teilfragen zusammen ergeben eine Dreier-Typologie von Erzählverhalten. Diese Typologie läßt Übergänge und Grenzfälle zu, ist in Details aber durchaus auch umstritten:
Auktoriales Erzählverhalten liegt idealtypisch dann vor, wenn sich der Erzähler im eben skizzierten Sinne als eigenständige Person oder Instanz zu erkennen gibt, die in einem Verhältnis großer Distanz zum Erzählten steht, und wenn er auf der Grundlage eines externen point of view ein umfassendes 'olympisches' Wissen um das Erzählte, das Innensicht, Detailwissen, Wissen um Vorgeschichte und zukünftige Entwicklungen und dergleichen einschließt, offenbart.
Neutrales Erzählverhalten liegt idealtypisch dann vor, wenn sich der Erzähler gerade nicht als eigenständige Instanz zu erkennen gibt, sein Verhältnis zum Erzählten insgesamt also unspezifisch und somit 'neutral' ausfällt. Dieses Erzählverhalten neigt zum externen point of view, aber nicht notwendig zur Innensicht. Im Vordergrund steht die 'ungefilterte' Wiedergabe des Erzählten selbst von einem (vermeintlich) neutralen Standpunkt aus.
Personales Erzählverhalten liegt idealtypisch dann vor, wenn sich der Erzähler nicht als eigenständige Instanz zu erkennen gibt, wenn er sich vielmehr erkennbar dem Standpunkt der (jeweils) erzählten Figur annähert. Dies gilt insbesondere dann, wenn er sich auf den (je figurenspezifischen) internen point of view einer Figur beschränkt, nur über Außensicht verfügt und die Darbietungsweise der erlebten Rede verwendet.