Nicht immer muß ein auktorialer Erzähler seine Macht über die Erzählung und das Erzählte so deutlich machen, wie der auktoriale quasi-autobiographische Ich-Erzähler in Laurence Sternes "Tristram Shandy" (1760 ff.), der aus lauter Freude am Erzählen hin und wieder über die Stränge schlägt, ganze Kapitel mutwillig ausläßt, und vor lauter Einschüben und Digressionen mit der Erzählung seines "Lebens" in neun Büchern nicht über die Kindheit hinauskommt.
Man kann es auch sehr viel dezenter anfangen, wie etwa der auktoriale Er-Erzähler Jean Pauls in seiner Erzählung vom "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" aus dem Jahr 1793. Er setzt ein mit einer Bewertung und Deutung des zu erzählenden Lebens seiner Titelfigur, das er offensichtlich ebenso deutlich überschaut wie er dieser zugeneigt ist, bevor er sich selbst als behagliche Erzählergestalt in einer konkreten Erzählsituation präsentiert, ja inszeniert. Erst dann geht er nach einem kurzen Überblick über die Vor- und Familiengeschichte zur eigentlichen Erzählung über:
Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!
Jetzt aber, meine Freunde, müssen vor allen Dingen die Stühle um den Ofen, der Schenktisch mit dem Trinkwasser an unsre Knie gerückt und die Vorhänge zugezogen und die Schlafmützen aufgesetzt werden, und an die grand monde über der Gasse drüben und ans Palais royal muß keiner von uns denken, bloß weil ich die ruhige Geschichte des vergnügten Schulmeisterlein erzähle und du, mein lieber Christian, der du eine einatmende Brust für die einzigen feuerbeständigen Freuden des Lebens, für die häuslichen, hast, setze dich auf den Arm des Großvaterstuhls, aus dem ich herauserzähle, und lehne dich zuweilen ein wenig an mich! Du machst mich gar nicht irre.
Seit der Schwedenzeit waren die Wutze Schulmeister in Auenthal, und ich glaube nicht, daß einer vom Pfarrer oder von seiner Gemeinde verklagt wurde. Allemal acht oder neun Jahre nach der Hochzeit versahen Wutz und Sohn das Amt mit Verstand - unser Maria Wutz dozierte unter seinem Vater schon in der Woche das Abc, in der er das Buchstabieren erlernte, das nichts taugt. Der Charakter unsers Wutz hatte, wie der Unterricht anderer Schulleute, etwas Spielendes und Kindisches; aber nicht im Kummer, sondern in der Freude.
Schon in der Kindheit war er ein wenig kindisch.