Ein Erzähler mit personalem Erzählverhalten ist natürlich als Er-Erzähler nicht mit der Figur, die (oder von der) er erzählt, identisch. (Und als Ich-Erzähler ist er zumindest theoretisch als erlebendes und erzählendes Ich unterscheidbar.) Diese Nicht-Identität wird deutlich dadurch, daß er sich mit "er" (oder "sie") auf die Figur bezieht. Und doch kann er so erzählen, daß er nur das erzählt, was die Figur wahrnehmen, denken und wissen kann, und vor allem so, wie sie es wahrnimmt, denkt und weiß. Diese Möglichkeit der Darstellung der spezifischen Sichtweise einer Figur häuft sich – wie die für personales Erzählen so typische erlebte Rede – deutlich in der Literatur der Moderne.

So gewinnt etwa Kafka die eigentümliche Bedrohlichkeit und Unverständlichkeit der von ihm dargestellten Welt auch durch das strikt personale Verhalten seines Erzählers, der etwa im "Prozeß" von 1925 wie folgt anhebt:

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien. "Wer sind Sie?" fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse man seine Erscheinung hinnehmen, und sagte bloß seinerseits: "Sie haben geläutet?" "Anna soll mir das Frühstück bringen", sagte K. und versuchte, zunächst stillschweigend, durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich nicht allzulange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die er ein wenig öffnete, um jemandem, der offenbar knapp hinter der Tür stand, zu sagen: "Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt."