(engl.: point of view = Standpunkt, Blickpunkt)

Kategorie der Erzähltextanalyse: Verhältnis des Erzählers zum Erzählten in Bezug auf seine Sichtweise: Hat er einen distanzierten Überblick über das Erzählte oder hat er den beschränkten Blickpunkt einer (oder mehrerer) Figur(en)?

Der point of view des Erzählers (deutsch: Erzähl- oder Erzählerstandpunkt) betrifft also in erster Linie die Frage, ob der Erzähler dem Erzählten, das er aus einer gewissen 'Entfernung' überblickt, distanziert und 'objektiv' gegenübersteht – oder ob er sich einschränkt (oder: beschränkt ist) auf den Standpunkt einer (oder mehrerer) der am erzählten Geschehen beteiligten Figuren.

Wie die anderen erzähltextanalytischen Kategorien ist natürlich auch der point of view (und mit ihm die metaphorische Redeweise von 'Blick-' und 'Standpunkt') ein literaturwissenschaftliches Konstrukt. Der point of view läßt sich aber durch zahlreiche Indizien an der Textoberfläche ermitteln. Diese beziehen sich vor allem auf das Wissen des Erzählers, die Art und Weise, wie er auf das Erzählte Bezug nimmt, und wie er es präsentiert.

Dabei sind verschiedene Graduierungen möglich. Am einen Ende dieser Skala steht der externe (oder: external) point of view: Der Erzähler, der von diesem Standpunkt aus erzählt, steht in einer erkennbar großen Distanz dem Erzählten gegenüber. Er hat womöglich ein umfassendes, 'olympisches' Wissen vom Erzählten, das alle Details, Vorgeschichte und weitere Entwicklungen und die Innensicht bezüglich vieler Figuren einschließen kann. Und er bezieht sich auf die Elemente und Aspekte des Erzählten in einer Art und Weise, die mit keiner Figur in Verbindung zu bringen ist. Demzufolge ist dieser point of view eng mit dem auktorialen Erzählverhalten verbunden und dem quasi-autobiographischen Ich-Erzähler verwandt.

Am anderen Ende der Skala steht der interne (oder: internal) point of view: Der Erzähler, der von diesem Standpunkt aus erzählt, steht dem Erzählten nicht (deutlich) gegenüber und weist keine Distanz zu ihm auf. Er ist auf das Wissen und die Wahrnehmungen einer Figur (oder im Wechsel: mehrerer Figuren) beschränkt, so daß er allen anderen Figuren nur mit Außensicht begegnen kann. Und er bezieht sich auf die Elemente und Aspekte des Erzählten so, wie sich diese fokussierte Figur auf sie bezieht oder beziehen würde. Dies gilt natürlich für den Typus des Ich-Erzählers, bei dem erzählendes und erlebendes Ich eng miteinander verknüpft sind. Dies gilt aber auch für Er-Erzähler, die sich – etwa durch erlebte Rede – durch ihr personales Erzählverhalten auszeichnen.

Zwischen diesen beiden Skalenenden sind jedoch auch zahlreiche Zwischenstufen möglich. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf zwei Aspekte: Denn zum einen ist die (auf Textoberflächen-Indizien basierende) Einschätzung des point of view, gerade bei kürzeren Textausschnitten, problematisch. Zum anderen ist man mitunter auf solche kürzeren Textpassagen angewiesen, da sich der point of view eines Erzählers natürlich prinzipiell immer (wieder) im Verlaufe eines erzählenden Textes verändern kann.

Beispiel  Beispiel