Darbietungsweise erzählender Literatur: durch den Erzähler vermittelte, aber den point of view einer Figur einnehmende Wiedergabe ihrer Bewußtseinsgehalte
Im Anschluß an die Konstruktion der vermittelnden Erzähler-Instanz kann man auch verschiedene Arten und Weisen unterscheiden, wie dieser Erzähler das Erzählte präsentiert: Neben dem üblichen Erzählerbericht oder dem Kommentar (etwa des auktorialen Erzählers) sind dabei vor allem Darbietungsweisen von Interesse, die Psychisches (also Bewußtseinsgehalte, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle usw.) von Figuren darstellen. Neben der direkten Rede von (ausgesprochenen) Gedanken, der indirekten Rede und dem inneren Monolog kennt die Erzählliteratur eine weitere Form solcher Wiedergabe, die erlebte Rede. Diese wird üblicherweise nur in bestimmten Passagen eingesetzt, die von anderen Darbietungsweisen 'eingerahmt' ist.
Die erlebte Rede ist signifikant für personales Erzählverhalten. Sie behält zwar den Erzähler als Äußerungs- bzw. Vermittlungsinstanz bei, dieser schließt sich aber ansonsten komplett dem internen point of view der gerade fokussierten Figur an. Er gibt also ausschließlich ihre Bewußtseinsgehalte wieder und ist somit fast ohne Distanz zum Erzählten. Vor allem aber ist er in der Auswahl und in der Art und Weise der Bezugnahme völlig auf den Standpunkt der Figur beschränkt.
Er bleibt allerdings im Unterschied zum inneren Monolog als Erzählinstanz vollkommen erhalten, da er sich weiterhin erkennbar von der Figur, deren Bewußtseinsgehalte er ansonsten direkt wiedergibt, unterscheidet. Diese Unterscheidung, die noch eine gewisse Vermitteltheit des Erzählten nach sich zieht, beruht für gewöhnlich auf zwei Momenten, die an der Textoberfläche leicht auszumachen sind:
1. Als Er-Erzähler bezieht er sich weiterhin in der grammatischen dritten Person (also als "er" oder "sie") auf die Figur. Demzufolge kann es problematisch sein, erlebte Rede zu identifizieren, wenn sich die Bewußtseinsgehalte der Figur nicht auf sich selbst beziehen (wenn also die Bezugnahme in dritter Person gar nicht zum Einsatz kommt). Demzufolge ist auch umstritten, ob man radikale Übernahmen des internen point of view eines Ich-Erzählers, wenn also erlebendes und erzählendes Ich völlig verschmelzen, auch als erlebte Rede ansehen soll. Üblicherweise behält man aus diesem Grunde erlebte Rede der Er-Erzählform vor.
2. Als Erzähler behält er nicht nur die üblichen Regeln der Syntax (wie im Erzählerbericht) weitgehend bei, sondern auch das übliche Tempus der Erzählung. Da dies gemeinhin das (epische) Präteritum ist, stehen auch die Passagen in erlebter Rede in diesem Tempus. Insofern wird erlebte Rede mitunter auch über die Beibehaltung des Präteritums definiert, obwohl es etwa wenn das Tempus der Erzählung ohnehin das Präsens ist keinen guten Grund gibt, nicht auch erlebte Rede im Präsens zuzulassen.
Ein weiteres Indiz unterstützt die Vermitteltheit erlebter Rede bzw. den Unterschied von Erzähler und Figur: Textpassagen in erlebter Rede gehen meist fließend aus personalem Erzählerbericht hervor und in ihn zurück. Erlebte Rede läßt so sogar (wiederum Distanz erzeugende) Kommentare des Erzählers über das Erzählte zu.