Darbietungsweise erzählender Literatur: nicht erkennbar durch den Erzähler vermittelte, den point of view einer Figur radikal einnehmende Wiedergabe ihrer Bewußtseinsgehalte
Im Anschluß an die Konstruktion der vermittelnden Erzähler-Instanz kann man auch verschiedene Arten und Weisen unterscheiden, wie dieser Erzähler das Erzählte präsentiert: Neben dem üblichen Erzählerbericht oder dem Kommentar (etwa des auktorialen Erzählers) sind dabei vor allem Darbietungsweisen von Interesse, die Psychisches (also Bewußtseinsgehalte, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle usw.) von Figuren darstellen. Neben der direkten Rede von (ausgesprochenen) Gedanken, der indirekten Rede und der erlebten Rede kennt die Erzählliteratur etwa seit 1900 eine weitere Form solcher Wiedergabe, den inneren Monolog. Diese wird manchmal nur in bestimmten Passagen eingesetzt, die von anderen Darbietungsweisen 'eingerahmt' ist, oft aber sind auch ganze Texte in dieser Darbietungsweise geschrieben.
Der innere Monolog stellt dadurch, daß er die theoretische Konstruktion des vermittelnden Erzählers aussetzt, natürlich einen Grenzfall dar, scheint er doch gerade dem zentralen Kriterium für erzählende Literatur zu widersprechen. Insofern stellt er eine Herausforderung an die Erzähltheorie dar. Freilich kann eine theoretische Konstruktion angenommen werden, in der im inneren Monolog der Erzähler quasi vollständig und in jeder Hinsicht die Bewußtseinsgehalte einer Figur übernimmt oder diesen Platz macht.
Im inneren Monolog ist im Unterschied zur erlebten Rede die Erzählinstanz nicht mehr wahrnehmbar: Die sprechende Instanz ist einzig das "Ich" der Figur. Vielmehr wird hier also in einer radikalen Beschränkung auf den internen point of view einer Figur nur das wiedergegeben, was sich im Bewußtsein dieser Figur 'abspielt'.
Da das Bewußtsein einer fiktiven Figur wiederum nur Konstrukt ist, muß auch dies an der Textoberfläche erkennbar sein: Es kommt nur zum Ausdruck, was die Figur wissen, wahrnehmen, fühlen und denken kann und zwar so, wie sie es wohl wissen, wahrnehmen, fühlen und denken dürfte. Diese Art und Weise der Bewußtseinsgehalte richtet sich somit auf die Art und Weise der Bezugnahme auf die Welt um die Figur herum, die absolut auf deren Standpunkt konzentriert ist. Dementsprechend werden diese Bewußtseinsgehalte auch im Präsens wiedergegeben.
Oft versucht diese Darstellung oder Simulation von Bewußtseinsgehalten im inneren Monolog auch Spezifika ihrer (vermeintlichen) Gehalte und die Struktur ihres Verlaufes abzubilden. Solches Erzählen geht von einem fließenden Bewußtseinsstrom aus, der sich sprunghaft und assoziativ ständig neuen Reizen zuwendet, kaum systematische oder kausale Strukturen aufweist und der somit durch eine weitgehende Auflösung üblicher Syntax nachzubilden ist. Diese radikale Variante des inneren Monologs wird als stream of consciousness (engl.: Bewußtseinsstrom) mitunter vom inneren Monolog abgesetzt.