spezifische Tempusverwendung fiktionaler Erzählliteratur: Verwendung des Präteritums nicht zur Darstellung von Vergangenem, sondern von fiktiv Gegenwärtigem

Das epische Präteritum entspricht also der Verwendung eines Vorzeitigkeit anzeigenden Tempus bei der Erzählung von Vergangenem ausschließlich in Bezug auf die grammatische Verwendung des Tempus: das Präteritum als Tempus des Erzählens überhaupt.

Das im epischen Präteritum Erzählte befindet sich aber nicht in einem Verhältnis der Vergangenheit zur Zeit des Erzählens. Vielmehr ist es eine – wenn auch fiktive, allein durch die Erzählung produzierte – 'Gegenwart', die im epischen Präteritum präsentiert wird.

Das fiktive Geschehen, das Erzählte selbst weist natürlich im allgemeinen eine interne Zeitstruktur auf, so daß wiederum Vor- und Nachzeitigkeit unterschieden werden können. Wenn dies – etwa durch Temporaladverbien – indiziert wird, unterscheidet sich das epische Präteritum vom gewöhnlichen (historischen) Präteritum auch erkennbar an der Textoberfläche. Denn nur im epischen Präteritum ist ein Satz wie der folgende akzeptabel: "Morgen mußte er aufbrechen." "Morgen" signalisiert Nachzeitigkeit und ist nicht mit einem Prädikat im gewöhnlichen Präteritum verknüpfbar, wohl aber mit dem epischen Präteritum, das sich auf eine (fiktive) Gegenwart bezieht.

Das epische Präteritum kann als das gewöhnliche und die Erzählliteratur dominierende Tempus angesehen werden. Erkennbar – etwa im eben erläuterten Sinn – ist es aber insbesondere dann, wenn personales Erzählen mit einem internen point of view vorliegt, wenn also die vermeintliche Vergangenheit des Tempus mit dem figurennahen Standpunkt der Figur zu konfligieren scheint.

Das epische Präteritum als gewöhnliches Tempus erzählender Literatur kann aber auch durch (historisches) Präsens ersetzt oder unterbrochen werden, etwa um die Tempusverwendung zu variieren, die Spannung oder Bedeutsamkeit der erzählten Handlung zu unterstreichen oder um durch die (nun auch durch das Tempus selbst repräsentierte) 'Gleichzeitigkeit' des erzählten Geschehens dessen Anschaulichkeit zu unterstützen.