Ein ausgesprochen hohes Erzähltempo weisen etwa genealogische Texte auf, die Stammbäume von Götter- oder Menschengeschlechtern aneinanderreihen und dabei pro Generation (also geschätzte 30 Jahre erzählte Zeit) gerade mal eine Zeile (also geschätzte 3 Sekunden Erzählzeit) benötigen. Das Alte Testament umfaßt eine solche Genealogie der Nachkommen Noahs (Mos. I, 10. Kapitel):
Dies ist das Geschlecht der Kinder Noahs: Sem, Ham, Japheth. Und sie zeugten Kinder nach der Sintflut. Die Kinder Japheths sind diese: Gomer, Magog, Madai, Javan, Thubal, Mesech und Thiras. Aber die Kinder von Gomer sind diese: Askenas, Riphath und Thorgama. Die Kinder von Javan sind diese: Elisa, Tharsis, die Chittiter und die Dodaniter. Von diesen sind ausgebreitet die Inseln der Heiden in ihren Ländern, jegliche nach ihren Sprachen, Geschlechtern und Leuten. Die Kinder von Ham sind diese: Chus, Mizraim, Put und Kanaan. Aber die Kinder von Chus sind diese: Seba, Hevila, Sabtha, Ragma und Sabthecha. Aber die Kinder von Ragma sind diese: Saba und Dedan.
Doch kann die erzählte Zeit nicht nur extrem gerafft, sondern auch erkennbar gedehnt werden. So benötigt die homerische "Odyssee" zwar als Epos mit 24 Gesängen eine erhebliche Erzähl- bzw. Vortragszeit, die erzählte Zeit der Geschehenisse um Odysseus überwiegt diese aber bei weitem, da sie bekanntlich mehrere Jahre des unfreiwilligen Exils und Umherirrens umfaßt. Der moderne "Ulysses" von James Joyce (1922) übertrifft die Erzählzeit des Epos womöglich sogar. Die erzählte Zeit dieses Romans ist jedoch auf etwa 24 Stunden im Leben des 'Helden' Leopold Bloom in Dublin 'zusammengeschrumpft'.
Als offensichtliche und signifikante Strategie verwendet etwa Peter Weiss die Dehnung der Erzählzeit in seinem Text "Der Schatten des Körpers des Kutschers" (1952), wenn er wie schon im Titel alles Beobachtbare bis ins Detail wiedergibt und beschreibt. Der Text setzt ein mit dem Blick vom 'stillen Örtchen' aus:
Durch die halboffene Tür sehe ich den lehmigen, aufgestampften Weg und die morschen Bretter um den Schweinekofen. Der Rüssel des Schweines schnuppert in der breiten Fuge wenn er nicht schnaufend und grunzend im Schlamm wühlt. Außerdem sehe ich noch ein Stück der Hauswand, mit zersprungenem, teilweise abgebröckeltem gelblichen Putz, ein paar Pfähle, mit Querstangen für die Wäscheleinen, und dahinter, bis zum Horizont, feuchte, schwarze Ackererde. Dies sind die Geräusche; das Schmatzen und Grunzen des Schweinerüssels, das Schwappen und Klatschen des Schlammes, das borstige Schmieren des Schweinrückens an den Brettern, das Quietschen und Knarren der Bretter, das Knirschen der Bretter und lockeren Pfosten an der Hauswand [usw.].