Sub-Klasse des Romans bzw. Roman-Gattung des 18. und 19. Jahrhunderts: umfassende Erzählung der 'Bildung' einer Hauptfigur zu einer selbstbestimmten Individualität im Einklang mit seiner (gesellschaftlichen) Umwelt
Das Konzept des Bildungsromans, das ursprünglich im Hinblick auf bestimmte deutschsprachige Romane des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts entwickelt worden ist, ist kaum von den verwandten Konzepten des Entwicklungs- und Erziehungsromans abzugrenzen. Im Unterschied zu diesen ist es aber auf ein spätaufklärerisches Konzept der prozessualen Bildung eines Individuums bezogen.
Zur erzählerischen Darstellung kommt diese Bildung oder Entwicklung einer (männlichen) Hauptfigur in Ich- oder Er-Erzählform. Ausgangspunkt dieser Bildungsgeschichte ist im allgemeinen ein unvollkommener Zustand der Jugend oder (naiven) Subjektivität, der sich als unvollkommen vor allem dann zeigt, wenn der Held des Bildungsromans mit der Welt, seiner Umwelt, mit dem anderen Geschlecht, mit einem Beruf und/oder mit der Gesellschaft in Beziehung tritt. Dieser Kontakt, der oft mit Ortsveränderungen und dem Kennenlernen neuer Umstände und Situationen einhergeht, führt zu Krisen, die überwunden Grundlage für die (je) weitere Ausbildung oder Entwicklung des Helden werden und insofern einen bildenden oder erzieherischen Effekt haben. Der (von vorneherein zu erreichende) Zielzustand besteht schließlich in einer harmonischen Beziehung von Individuum und Gesellschaft bzw. Welt. Dieser (dreiphasige) Aufbau ist typisch für die Organisation einer solchen Bildungsgeschichte.
Zumeist eng mit dem (aufklärerischen und goethezeitlichen) Bildungskonzept verbunden ist die Thematik des Künstlers, dementsprechend häufig sind die Hauptfiguren des Bildungsromans (angehende) Künstler.
Womöglich von Anfang an in der Entwicklung der Gattung Bildungsroman angelegt, setzten sich im 19. (und daran anschließend im 20.) Jahrhundert dann zunehmend Bildungs- und Entwicklungsgeschichten durch, die nicht als zielorientierter Prozeß zunehmender Bildung, Harmonisierung und Integration beschrieben werden können, aber an der ausgebreiteten Darstellung der Entwicklung einer zentralen Figur festhielten. Diese Romane werden mitunter in Abgrenzung vom engen Bildungsroman-Konzept als Entwicklungsromane bezeichnet. Und noch in der Moderne orientieren sich zahlreiche Romane an diesem Modell, wenn sie gleichsam als Anti-Bildungsromane erkennbar das Scheitern der gesellschaftlichen Integration einer Figur oder ihre 'Ver-Bildung' darstellen.