Christoph Martin Wielands "Geschichte des Agathon" (1767, 1773 und 1794) ist der erste deutschsprachige Roman, der konsequent die Darstellung des Bildungsweges einer zentralen Figur unternimmt. Die Bildungsgeschichte des Agathon ist zwar im klassischen Griechenland angesiedelt, realisiert aber erkennbar das Ideal aufklärerischer Bildung, die aus dem 'schwärmerischen' Jüngling in langen Krisen- und Wanderjahren einen voll ausgebildeten und nützlichen Bürger seiner Gemeinde machen.

Zum Modell oder zum (durchaus auch kritisch hinterfragten) Ausgangspunkt der Bildungsromantradition wurden aber "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1794-96). Dieser Roman realisiert zwar abermals auf der Ebene der Handlung einen komplexen Bildungsprozeß. Dieser wird jedoch durch andere, symbolische Ebenen des Romangeschehens oder des Erzählens zunehmend in Frage gestellt, so daß bereits in dem Modell des Bildungsromans die Frage nach dem Gelingen einer solchen Bildung unüberhörbar bleibt.

Diese zentrale Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist es denn auch, die – im jeweiligen Kontext der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung – den weiteren Fortgang dieser Gattungs- oder Romantyp-Tradition im 19. und 20. Jahrhundert bestimmt.