(griech.: épos = Wert, Rede, Geschichte)
Klasse oder Gattung vormoderner erzählender Literatur: gleichmäßig versifizierte, stilistisch und inhaltlich hochstehende, große und umfassende Erzählung von Geschehnissen von zentraler Bedeutung
Das antike Epos ist die älteste (nachweisbare) Realisation groß angelegter Erzählliteratur. Die Epen der griechischen und römischen Antike waren demzufolge bis weit in die Neuzeit hinein der Bezugspunkt und das Modell für kunstvolles Erzählen, das erst im Verlauf der Frühen Neuzeit nach und nach vom Roman verdrängt worden ist. Beide Großformen der Erzählliteratur werden deshalb oft in einem historischen Komplementaritätsverhältnis zueinander gesehen. Dabei gilt der in Prosa geschriebene und über variablere Gestaltungsformen verfügende Roman Zeiten angemessen, in denen kein geschlossenes und auf Transzendentes bezogenes Weltbild mehr vorherrscht, während dies gerade dem Epos zukommt.
Denn dieses realisiert sprachlich, formal und inhaltlich eine in sich geschlossene Sinn-Ordnung, die der Kultur, aus der das jeweilige Epos stammt, durch dieses eingeschrieben wird. Dies gilt natürlich gerade in Fällen, wo Epen eher aus (mündlichen) volkstümlichen Erzähltraditionen herrühren als einem individuellen Autor zuzurechnen sind. Insofern kommt dem Epos typischerweise innerhalb solcher Kulturen eine entscheidende einheitsstiftende Funktion zu.
Dementsprechend verwendet das Epos eine Sprache und Verse, die prinzipiell dem genus grande zuzurechnen ist. Im Modellfall der antiken Epen und im Rückgriff darauf auch zahlreicher neuzeitlicher Epen ist das epische Versmaß der Hexameter, doch sind auch andere Versmaße oder strophische Organisationsformen möglich. Entscheidend ist dabei immer die Gleichförmigkeit der Sprache und der Verse.
Diese ist zudem bedeutsam für die epentypische Art und Weise des Erzählens: Das Epos neigt auch hier zur Größe, also zur Ausdehnung, zur Einbindung von Episoden, zur Ausgestaltung von Details und zu einem gleichmäßig fortschreitenden Erzählduktus. Üblich sind ein neutraler, allwissender und mit einem externen point of view ausgestatter Er-Erzähler, der sich innerhalb des gesamten Erzählverlaufs ebenfalls unverändert präsentiert.
Das vom Epos erzählte Geschehen ist groß, insofern es für die jeweilige Kultur bedeutsam ist. Diese Bedeutung ergibt sich zumeist schon aus dem thematischen Hintergrund oder Ursprung des erzählten Geschehens, das überwiegend aus den Bereichen der Mythologie, Religion oder der (National-)Geschichte stammt. Akteure dieses Geschehens sind dementsprechend zumeist Götter oder göttliche Wesen, Heroen, Nationalhelden und andere historische Gestalten, die allesamt wie das Geschehen und die mit ihm verknüpften Aktionen und Emotionen das übliche Maß des Alltäglichen deutlich übersteigen. Eine zweite mögliche Bedeutungsebene des Epos ist damit verbunden, kann es doch als umfassende vorbildliche Gestaltung eines bedeutsamen, mythischen Geschehens gerade im Rückblick auch als Ausdruck großer und allgemeiner Menschheitsthemen angesehen werden.