Die Epen, die aus den alten Kulturen der Antike und aus dem Mittelalter überliefert sind, sind oft nicht nur die (mit) ältesten Zeugnisse der betreffenden Sprache und Kultur, sondern häufig auch eng mit den volkstümlichen mündlichen Erzähltraditionen derselben verknüpft. Dies gilt etwa für das babylonische "Gilgamesch"-Epos aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. So können aber auch die berühmten homerischen Epen (etwa 730 v. Chr.) bis heute keinem identifizierbaren Autor Homer zugeordnet werden. Statt dessen geht man von einer vorliegenden Erzählungen verbindenden und aufbereitenden Redaktionstätigkeit einer oder mehrerer Personen aus.
Die "Ilias" befaßt sich bekanntlich in 24 Büchern und tausenden von Hexametern zwar mit dem mythischen Stoff des Kampfes der frühzeitlichen Griechen um Troja, behandelt aber tatsächlich nur eine bestimmte Sequenz aus diesem Geschehen, der sich um das Thema dieses Epos, den Zorn Achills rankt. Gleichwohl wird in 'epischer Breite' dieses Thema so weit entfaltet, daß nicht nur die späteren antiken Griechen, denen dieser Text zum historischen (!) und sprachlichen Lehrstoff wurde, sondern auch wir einen umfassenden Eindruck von der Götterwelt, dem Welt- und Menschenbild der frühen griechischen Kultur erhalten. Erzählt wird im Kontext des großen, gesamtgriechischen Unternehmens der Eroberung Trojas (und der Wiederheimholung Helenas) ein Geschehen, in dem Ehre, Sieg und Macht auf dem Spiel stehen, und in das die olympischen Götter immer wieder aktiv eingreifen.
Neben der homerischen "Odyssee" ist Vergils "Aeneis" (um 20 v. Chr.) das dritte klassisch antike Epos, das zentrale Bedeutung für die weitere Entwicklung des Epos in der abendländischen Kultur gewann. Diesmal gestaltet ein nachweisbarer Autor das sagenhafte Geschehen um den trojanischen Helden Aeneas bewußt zu einer legendären Frühgeschichte des eigenen, römischen Staatswesens um.
Diese "Aeneis" dient, fast 1700 Jahre später, John Milton mit seinem Epos "Paradise Lost" (1667/1674) immer noch als Vorlage bei seiner furiosen Gestaltung der Auseinandersetzung zwischen Gottvater und Satan, die letztlich der christlichen Tradition zufolge die Bedingungen und Grundlagen der Welt und der menschlichen Existenz prägen.