Bekannt dafür, Erzählungen (und eben nicht nur Romane oder Novellen) geschrieben zu haben, sind in der deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts vor allem zwei Autoren, die mit diesen Texten tatsächlich weniger pointierte und handlungsreiche Geschehnisse, als sie in Novellen üblich sind, präsentieren und weniger komplexe als in Romanen.
So wird in der Erzählung "Bergkrystall" von Adalbert Stifter (1845) nicht nur die Rettung eines Kinderpaars aus einer Winterwelt erzählt, sondern es werden auch naturphilosophische, metaphysische und moralische Momente in die Erzählung bzw. in das Erzählte miteingeflochten, so daß das Geschehen weniger 'dramatisch' präsentiert wird als in einer Novelle, aber zu wenig komplex ist, um für einen Roman geeignet zu sein. Nicht ungewöhnlich ist allerdings die Tatsache, daß "Bergkrystall" später in eine Sammlung von Erzählungen Stifters ("Bunte Steine") aufgenommen worden ist.
Von Thomas Mann, der natürlich in erster Linie durch Romane und Novellen bekannt geworden ist, gibt es eine ganze Reihe von Erzähltexten, die als "Erzählungen" ausgewiesen und veröffentlicht worden sind. Vielleicht ist es zum Beispiel gerade das Typische des Erzählten, das "Herr und Hund" (1919) als Erzählung ausweist, geht es doch um das alltäglich sich zeigende Einverständnis zwischen den beiden.
Auf der anderen Seite ist deutlich, daß die Unterscheidung von Erzählungen und Novellen bei Thomas Mann selbst nicht sonderlich deutlich ist. Denn zahlreiche kürzere Erzähltexte sind erst in einer Sammlung von "Novellen", später erneut in einer Sammlung von "Erzählungen" erschienen.