Unter dem Namen Aesops wohl einem thrakischen Sklaven des 6. Jahrhunderts vor Christus, der eine nicht erhaltene Sammlung von Prosa-Fabeln verfaßt haben soll sind zahlreiche Fabeln der (griechischen) Antike versammelt. Diese bilden den Ursprung und auch das bis weit in die Neuzeit hinein unangefochtene Modell der europäischen Fabeldichtung.
Die folgende Fabel verbindet ganz typisch zwei in Bezug auf ihre repräsentativen und einzig ausschlaggebenden Eigenschaften (Sanftheit und Aggressivität) einander gegenüberstehende Tiere in einem einfachen Geschehenszusammenhang und teilt dem Leser die (auf die menschliche Welt bezogene ) 'Moral' desselben am Ende explizit mit.
Das Lamm und der WolfEin Lämmchen löschte an einem Bache seinen Durst. Fern von ihm, aber näher der Quelle, tat ein Wolf das gleiche. Kaum erblickte er das Lämmchen, so schrie er: "Warum trübst du mir das Wasser, das ich trinken will?" "Wie wäre das möglich", erwiderte schüchtern das Lämmchen, "ich stehe hier unten und du so weit oben; das Wasser fließt ja von dir zu mir; glaube mir, es kam mir nie in den Sinn, dir etwas Böses zu tun!" "Ei, sieh doch! Du machst es gerade, wie dein Vater vor sechs Monaten; ich erinnere mich noch sehr wohl, daß auch du dabei warst, aber glücklich entkamst, als ich ihm für sein Schmähen das Fell abzog!" "Ach, Herr!" flehte das zitternde Lämmchen, "ich bin ja erst vier Wochen alt und kannte meinen Vater gar nicht, so lange ist er schon tot; wie soll ich denn für ihn büßen." "Du Unverschämter!" so endigt der Wolf mit erheuchelter Wut, indem er die Zähne fletschte. "Tot oder nicht tot, weiß ich doch, daß euer ganzes Geschlecht mich hasset, und dafür muß ich mich rächen." Ohne weitere Umstände zu machen, zerriß er das Lämmchen und verschlang es.
Das Gewissen regt sich selbst bei dem größten Bösewichte; er sucht doch nach Vorwand, um dasselbe damit bei Begehung seiner Schlechtigkeiten zu beschwichtigen.