Klasse oder Gattung moderner erzählender Literatur: komprimierte und repräsentative Erzählung von weniger als mittlerer Länge

Ähnlich wie die Erzählung ist auch die Kurzgeschichte nur schwer positiv zu bestimmen, zumindest im deutschsprachigen Raum. Denn insbesondere in der amerikanischen Tradition des 19. Jahrhunderts weist die 'short story' eine genuine Identität auf. Im Europa des 20. Jahrhunderts hingegen kann sich die Kurzgeschichte, die sich auch auf ebendiese amerikanischen Vorbilder bezieht, erst langsam gegen andere, ältere Erzähltextarten und -gattungen (wie Novelle, Skizze, Kalendergeschichte) abgrenzen, nicht zuletzt durch 'moderne' Publikationsmedien wie Zeitschriften und Zeitungen, in denen sie vornehmlich veröffentlicht wird.

Dies zeitigt insbesondere in der Nachkriegszeit Erfolg, wo die deutschsprachige Kurzgeschichte ihre zentralen Darstellungsstrategien, Themen und Funktionen entwickelt und sich somit insbesondere von der Novelle unterscheidet: Denn wie diese neigt die Kurzgeschichte zwar zu begrenzten Geschehenszusammenhängen und überschaubarem Personal, aber anders als diese ist sie nicht auf die Erzählung einer unerhörten Begebenheit ausgerichtet, sondern eher auf die Darstellung eines zwar möglicherweise außergewöhnlichen, aber (etwa für die Zeitläufte) doch repräsentativen oder anders sinnfälligen Geschehens. Dessen Darstellung bzw. Erzählung geschieht auf möglichst knappem Raum, so daß die Kurzgeschichte üblicherweise deutlich kürzer ist als Novellen oder Erzählungen. Dies geschieht aber auch mit Hilfe typisch moderner Erzählstrategien (wie etwa extrem personalen Erzählen oder der Auflösung linearer/kausaler Handlungsstränge) und anderen, nicht aus dem Geschehenszusammenhang, sondern aus dessen Gestaltung hervorgehenden Mitteln. Hinzu kommt der für viele Kurzgeschichten signifikante pointierte und sinngebende Schluß, der gleichwohl die Handlung selbst meist nicht völlig abschließt.

Beispiel