Die (deutschsprachige) Kurzgeschichte ist vielgestaltig und kaum auf einen dominanten Formtypus oder einen spezifischen Inhalt festzulegen. Denoch können vielleicht die direkt nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Kurzgeschichten Wolfgang Borscherts als exemplarisch gelten, insofern sie mit Vergangenheitsbewältigung, Aufarbeitung der NS- und Kriegsjahre bzw. deren Folgen einen zentralen Themenkomplex behandeln.
Die Not der unmittelbaren Nachkriegsjahre ist etwa das Grundthema von "Das Brot". In dieser Kurzgeschichte ertappt eine Ehefrau ihren Mann bei einem Übergriff auf ihre Brotration ... und reagiert mit einem freiwilligen Überlassen derselben. Es wird extrem gerafft, aber linear erzählt: ein wenn nicht alltägliches, so doch leicht denkbares und dennoch eigenwilliges Geschehen, dessen überraschende Schlußwendung dann zwar den hier zur sinnfälligen Darstellung gebrachten Geschehenszusammenhang abrundet, aber nichts über das weitere Leben der Figuren sagt.
Der Titelgegenstand von "Die Küchenuhr" und mit ihr die ganz Kurzgeschichte zielt hingegen auf die Aufarbeitung der Vergangenheit ab, löst die Uhr doch bei ihrem Besitzer Erinnerungen an vergangene Tage aus und verknüpft so auf wenigen Seiten die drei Zeitebenen des Textes.