(ital.: novella = (kleine) Neuigkeit)
Klasse oder Gattung erzählender Literatur: in sich geschlossene, straffe und kunstvolle Erzählung eines Geschehens mit Überraschungsmoment von mittlerer Länge
Die Novelle ist im Unterschied zur etwa gleich langen Erzählung sowohl auf der Ebene des erzählten Geschehens als auch auf der Ebene der künstlerischen Gestaltung positiv spezifiziert, auch wenn im Verlauf der Geschichte der Novellentradition, die über die Renaissance noch zurückgeht, und in der literaturwissenschaftlichen Reflexion darauf sich durchaus Novellenbegriffe mit verschiedenen Akzentuierungen herausgebildet haben.
Im Kern geht man aber davon aus, daß die Novelle erkennbar kürzer als etwa ein Roman ist, vor allem aber daß sie erkennbar konzentrierter ist: Dies betrifft sowohl die Darstellung als auch das Dargestellte:
Dieses ist ähnlich wie die dramatische Handlung als Einheit ein in sich abgeschlossener und ohne Nebenhandlungen auskommender Handlungs- oder Geschehensverlauf, der oft auch die Struktur einer typisch dramatischen Handlung annimmt, indem er auf einem Grundkonflikt beruht und eine (überraschende) Wende vollzieht. Die dem Namensursprung der Novelle korrespondierende überraschende Neuigkeit des Geschehens wird ebenfalls als eines der zentralen Charakteristika dieser Textklasse angesehen.
Die Gestaltung der Erzählung eines solchen Novellengeschehens unterstreicht diese Konzentriertheit, zielt sie doch darauf ab, dieses straff und in sich geschlossen zu präsentieren: Dazu können verschiedene Straffungstechniken des Erzählers dienen (etwa ein hohes Erzähltempo, das Einschieben von Vorgeschichten, die Auslassung nicht für das Geschehen relevanter Details, die Konzentration auf äußeres Geschehen und dergleichen mehr). Dazu dienen vor allem aber Techniken, welche die Novelle auch auf der Ausdrucksebene in sich abschließen. Unter diesen sind vor allem das sprachliche Leitmotiv und das Dingsymbol (der sogenannte 'Falke' nach einem exemplarischen Dingsymbol), die jeweils den Text bzw. das erzählte Geschehen wie ein roter Faden durchziehen.
Die Novelle neigt zudem dazu, in einen Ko- oder Kontext eingebunden zu sein, in dem das Erzählen selbst und seine geselligkeitsstiftende Funktion thematisiert wird. Dies äußert sich insbesondere dadurch, daß zahlreiche Novellen (oft zusammen mit anderen) in Rahmenerzählungen eingebunden sind, so daß dort auch immer vom Erzählen der Novellen erzählt werden kann. Diese in der Konstitutionsphase der Prosa-Novelle an der Schwelle des Mittelalters zur Neuzeit etablierte Eigenart setzt sich jedenfalls im Zusammenhang mit der weiteren literaturgeschichtlichen Entwicklung der Novelle bis weit in die Neuzeit hinein fort.