Eine eigenständige Parabel ist Lessings innerhalb seiner "Fabel"-Bücher 1759 publizierte Parabel "Der Besitzer des Bogens":
Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoß, und den er ungemein wert hielt. Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: Ein wenig zu plump bist du doch! Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade! Doch dem ist abzuhelfen; fiel ihm ein. Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen. Er ging hin; und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen; und was hätte sich besser auf einen Bogen geschickt, als eine Jagd?
Der Mann war voller Freuden. "Du verdienest diese Zieraten, mein lieber Bogen!" Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen zerbricht.
Daß das hier thematisierte Verhältnis von Schmuck und Funktionalität, von Eitelkeit und Leistungsfähigkeit nicht auf eine eindeutige 'Lehre' zu reduzieren ist, ist offensichtlich. Denn anders als etwa Fabel und Allegorie verweist dieser Text zwar darauf, daß er eine andere Bedeutungsebene aufruft, diese ist aber nicht über durchgängige Allegorese zu ermitteln.
Diese Tendenz zur Deutungsoffenheit verstärkt sich natürlich in den modernen Parabeln, etwa Kafkas "Vor dem Gesetz".
Doch schon die wohl berühmteste Parabel der deutschen Literatur, die 'Ringparabel' aus Lessings "Nathan der Weise" (1779), ist in gewisser Hinsicht deutungsoffen: Denn Nathans Parabelerzählung vom Vater mit den drei Söhnen und ihren durch einen Ring symbolisierten Erbschaftsansprüchen ist zwar, etwa durch den Kontext der Dramenhandlung, klar auf den Frage- und Deutungszusammenhang des Verhältnisses der drei Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) bezogen, doch die Deutung selbst ergibt sich erst im Verlauf des Gesprächs zwischen Nathan und dem Hörer der 'Geschichte' Saladin. Somit ist die Parabel selbst, also auch das in ihr Erzählte, in den Gesamtzusammenhang des Dramas integriert und gewinnt innerhalb dieses Kontextes an Bedeutung.