Der bis heute keinem Verfasser zuzuordnende, anonym 1554 erschienene Picaro-Roman über "Das Leben des Lazarillo de Tormes" ist sicherlich eines der zentralen Modelle des frühneuzeitlichen Schelmenromans: Es handelt sich um die (natürlich fiktive) 'Lebensbeichte' des Lázaro, in dem zwar das eigene Leben, Handeln und Denken (das hohen moralischen Ansprüchen natürlich nicht genügt) im Vordergrund steht, dabei aber – auch bedingt durch die Verwicklungen und Stationen dieses Lebens – die spanische Kultur und Gesellschaft des 16. Jahrhunderts zu einer umfassenden und nicht eben vorteilhaften Darstellung kommen.

Ähnlich, wenn nicht radikaler in Organisation, Anspruch und Inhalt ist der deutschsprachige Schelmenroman (des Barockzeitalters), Grimmelshausens "Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" (1669), in dem der Titelheld, dem Namen und der Herkunft nach ein bäurischer "Simpel", sich durch ein Leben und eine Welt schlagen muß, die durch den Dreißigjährigen Krieg völlig aus den Fugen geraten ist. Dabei erweist sich sein abenteuerliches Leben, das er rückblickend aus großer (ironisch-humoristischer) Distanz erzählt, als ein zunehmender Desillusionierungsprozeß.

Ein Beispiel für die Wiederaufnahme (oder gar die fortgesetzte Tradition) des Schelmenromans in der Moderne, zumindest aber dessen Heldentyps, ist Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" (1959): Auch hier 'beichtet' und berichtet wieder ein Außenseiter, der schon durch seine körperliche Verwachsung, 'von unten' die große Welt (und ihre Perversionen) in den Blick nimmt.